Madurers Tagebuch
Aufbau: ein Raum im Raum
Ein 4m² Zimmer aus weißen Leinwänden, aufgebaut im Besucherzimmer, offen für jeden Besuch.
Darin eine Theaterfigur: das Kind Madurer (gespielt von Susa).
Dazu Farben und Pinsel: für Bilder auf den Leinwänden (gemalt von Leo).
Dauer: 13 + 2 Tage
13 Entwicklungstage + 2 Feiertage
(ein Feiertag für alle, die dabei waren & ein Feiertag für geladene Gäste)
Mitschrift in 13 + 2 Absätzen
Am Anfang saß Madurer in dem weißen Raum und sagte: „Weiß nicht!“
Wenn einer im Weiß sitzt und „Weiß nicht!“ sagt, entsteht eine Spannung:
Etwas soll anders werden.
Anders wurde es mit Hilfe der Anderen,
die durch die Tür kamen und sich ins Spiel brachten. Denn ein Spiel war es ja.
Ein Spiel, von dem aber bald jemand überrascht bemerkte: „Das ist genau meine Geschichte!“
Damit sprach er für alle, die den Anfang dieser Geschichte aus ihrer eigenen kannten:
Madurer ist ganz allein hier her gekommen. Er sieht seine Spur, die ihn an diesen Ort führt, aber
sie ist ihm ein Rätsel. Er fragt sich: „Wo komme ich her? Wo bin ich hier? Und warum?“
Für die pochende Frage WARUM? wusste jede*r eine andere Antwort.
Auf diese Frage nach dem Grund fanden sich so viele Gründe wie Menschen!
Aus all diesen Gründen entstand das Kunstwerk, das zum Schluss gezeigt werden konnte:
ein ins Bild gebrachtes Gespräch, ein ins Gespräch bringendes Bild.
Das Bild ist ein Bild für den Ort, in doppeltem Sinn:
Es steht an diesem Ort und es steht für diesen Ort.
Und es steht es dort für die Menschen, die sich gewünscht haben, dass es stehen bleibt:
„Es beruhigt mich. Wenn ich da reingehe, bringt mich das irgendwie raus.“
Das macht der Raum im Raum möglich: Gleichzeitigkeit von drinnen und draußen.
„Wir warten alle darauf, hier wegzukommen.“ UND „Hier könnt’ ich ewig sitzen bleiben.“
Diese Gleichzeitigkeit „beruhigt“ — sie könnte auch Gleichgewicht genannt werden.
Könnte ein Gleichgewicht zwischen innen und außen auch Gesundheit heißen?
Wie etwas anders genannt werden könnte — das war eine hilfreiche Frage!
Es hat sich gezeigt: Wenn etwas anders werden soll, braucht es einen (anderen) Namen.
Wer keinen Namen hat, kann sich nicht vorstellen.
Was keinen Namen hat, ist nicht vorstellbar.
Namen sind Vorstellungskräfte.
Deshalb hat jemand zu Madurer gesagt:
„Du hast mein Bewusstsein erweitert! Hier kommt man auf Sachen, auf die kommt man gar nicht!“
Wenn neue Namen zu Ohren kommen, erweitert das den Horizont. Er sollte Ohrizont heißen.
„Ich will dir einen neuen Namen geben!“, sagte einer der Besucher zu Madurer: „Bruderherz!“
Da wollte Madurer auch einen neuen Namen zurückgeben.
So kam es, dass schließlich alle seine Gäste neue Namen hatten.
Mit diesen Namen wurde das benannt, was jede*r Einzelne von sich ins Spiel gebracht hatte.
Madurer musste sowieso alles erst kennen- und nennenlernen. Er kannte sich nicht aus.
Er wusste nicht, was ein Patient ist. „Was soll das heißen?“, fragte er: „Schit-Zoo-Free-Nie?!“
Die allzu schwierigen Worte konnte er nicht verstehen und die allzu schweren nicht tragen.
Alle mussten neue Worte finden, um sich selbst und die Welt zu erklären.
In dieser neuen Erzählung entstehen ein anderes Selbst und eine andere Welt:
eine andere mögliche Wirklichkeit.
Dafür stehen die neuen Namen und dafür steht das Bild im Besucherzimmer.
Mit anderen Worten:
Wer anders genannt wird, wird auch anders erkannt.
„Wir sind nicht nichts!“, bemerkte einer von ihnen. „Das ist schon ein Wunder.“
Plus zwei
Das Wunder besteht darin, dass die Worte zwar festschreiben können, aber nicht fest sind.
Oft ist Übersetzung notwendig.
Übersetzen heißt: ein Wort in eine andere Sprache übertragen.
Übersetzen heißt auch: mit einem Schiff zu einem anderen Ufer fahren.
Ein Wort kann ein Gefährt sein auf dem Weg zu neuem Grund, zu einem Boden unter den Füßen.
Ein Übersetzer ist der Gefährte dabei.
Den seht ihr auf dem Bild in den Wellen.